Als der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen (1845 bis 1923) am 5. November 1895 die Leitung von Elektrizität in Gasen untersucht, entdeckt er eine sichtbare Strahlung. Er nennt diese Strahlen, deren Eigenschaften ihm zeit seines Lebens unbekannt bleiben, „X-Strahlen“. Als er wenige Wochen nach seiner Entdeckung sein eigenes und das Handskelett seiner Frau fotografiert, revolutioniert er die Medizin. Sehr bald erkennt die Fachwelt die Möglichkeiten dieser neuen Untersuchungsmethode; weltweit beginnen Ärzte, trotz unzulänglicher technischer Mittel und ohne Kenntnis der nicht ungefährlichen Nebenwirkungen, die „X-Strahlen“ in ihre tägliche Praxis einzubeziehen.

Prinzip der Röntgenuntersuchung
Röntgenstrahlen sind elektromagnetische Wellen, die in einer Röntgenröhre erzeugt werden. Eine Röntgenröhre ist eine Vakuumröhre mit zwei Elektroden. Wie bei einer Autobatterie heißen diese Elektroden Kathode und Anode. Die Kathode wird zum Glühen gebracht, dadurch treten Elektronen aus. Diese Elektronen werden nun mittels einer angelegten Spannung in Richtung Anode gelenkt. Im Vakuum der Röhre werden diese Elektronen extrem beschleunigt und prallen auf die Anode. Beim Aufprall werden Röntgenstrahlen erzeugt.

Der zu untersuchende Körperteil, etwa ein Kniegelenk, wird zwischen Röntgenröhre und -film positioniert. Die Röntgenstrahlen, die durch das Gewebe dringen, färben den Röntgenfilm schwarz. Da die verschiedenen Körpergewebe unterschiedlich dicht sind – Muskulatur kann von den Strahlen leichter durchdrungen werden als Knochen – entstehen auf dem Film unterschiedlich starke Schattierungen. Ergebnis ist das typisch schwarz-weiße Röntgenbild.

So genannte Verstärkerfolien in der Röntgenfilmkassette verstärken den Strahlungseffekt in hohem Maße, so dass die eigentliche Röntgenstrahlung mittlerweile deutlich verringert werden konnte.

Das digitale Röntgen sei als weiterer Fortschritt erwähnt; das Funktionsprinzip bleibt dabei völlig gleich.

Diagnostische Möglichkeiten
Röntgenologisch lässt sich das gesamte Skelettsystem darstellen, sei es als kleiner Teil wie etwa ein Finger oder als größerer Bezirk wie die gesamte Wirbelsäule.

Bereits im Säuglingsalter sind Fehlentwicklungen oder Fehlstellungen der Extremitäten erkennbar, beispielsweise eine so genannte angeborene Hüftverrenkung. (Diese Fehlentwicklung kann bereits in den ersten Lebenstagen, allerdings bevorzugt mit Ultraschall, festgestellt werden.) Im Wachstumsalter ist es wichtig, Krankheiten frühzeitig zu erkennen, die sich unter anderem in Achsenfehlstellungen an Armen und Beinen sowie insbesondere Verbiegungen der Wirbelsäule äußern. Im Erwachsenenalter sind es meist degenerative Gelenkveränderungen, also Abnutzung des Gelenkknorpels mit frühzeitigem Gelenkverschleiß, beispielsweise an den Hüft- oder Kniegelenken. Im Bereich der Wirbelsäule kommen Schäden an den Bandscheiben und Wirbelgelenken in Frage.

In jedem Lebensalter ist die Diagnostik mannigfaltiger Verletzungsformen der Knochen und Gelenke notwendig, wobei mit speziellen Funktionsaufnahmen auch Bandschäden indirekt erkennbar werden. Wichtig ist die Abgrenzung verletzungsbedingter Brüche gegenüber Bruchformen, die auf Grund von Knochentumoren zu Stande kommen können. Bedeutsam ist dies unter anderem, wenn die Ursachen von Brüchen der Wirbelköper geklärt werden sollen – also ob sie Folge eines Sturzes, eines Tumors oder einer Osteoporose sind. Bei der Osteoporose verringert sich die Knochenmasse; eine Früherkennung dieser Krankheit ist also nicht mittels einer Röntgenuntersuchung, sondern ausschließlich mittels einer Knochendichtemessung möglich.

Mit Hilfe der Röntgendiagnostik können auch die unterschiedlichen Veränderungen, die Entzündungen oder Stoffwechselerkrankungen hervorrufen, abgeklärt werden. Man kann ganze Lehrbücher damit füllen zu beschreiben, was die Röntgendiagnostik möglich macht. Wir wollen uns hier auf die Röntgendarstellung beschränken.

Ärztliche Untersuchung überflüssig?
Eindeutig nein. Nicht die Röntgenuntersuchung steht am Anfang der Diagnostik, sondern die fachorthopädische Untersuchung. Erst nachdem der Arzt die Beschwerdebilder abgeklärt hat, kann die Röntgendiagnostik ergänzende Informationen liefern. Die Aufgabe des Orthopäden besteht darin, die medizinische Untersuchung mit der Beurteilung von röntgenologischen Befunden zu verbinden.

Es ist also ein Irrtum anzunehmen, eine hochspezialisierte Röntgentechnik allein könne zu einer richtigen Diagnose führen. Es hängt nämlich nicht nur vom Röntgenbefund ab, ob eine – und wenn ja, welche - Therapie notwendig ist. Diese Frage kann nur der Orthopäde, der den Untersuchungsbefund genau kennt, beantworten. Röntgenbilder allein sagen nichts aus über den tatsächlichen Zustand des Patienten. Um es vereinfacht auszudrücken: Nicht die auf den Röntgenfilm gebannte Krankheit wird operiert, sondern der Mensch, der an ihr leidet. Ausschlaggebend für die therapeutische Entscheidung sind also die Beschwerden des Patienten, die Untersuchungsbefunde und die voraussehbare Entwicklung des Krankheitsbildes. Ist das Röntgen schädlich?
Wohl niemand wird behaupten, dass angesichts der damit verbundenen Strahlenbelastung beliebig oft geröntgt werden könnte. Eben so wenig wird man behaupten wollen, auf Röntgenbilder könne ganz und gar verzichtet werden. Jede unterlassene Röntgenaufnahme birgt das Risiko einer unerkannten Krankheit in sich und damit die Gefahr, dass eine notwendige Therapie nicht oder nicht früh genug erfolgt.

In diesem Zusammenhang darf nicht vergessen werden, dass unser Körper ständig einer schwachen natürlichen Röntgenstrahlung ausgesetzt ist. Am Strand oder in den Bergen verstärkt sich diese Strahlung noch. Deshalb wägt der verantwortungsbewusste Orthopäde vor jeder Röntgenuntersuchung deren Nutzen ab.

Werden zu häufig Röntgenuntersuchungen durchgeführt?
Die in letzter Zeit häufig angeführte Behauptung, etwa 20 bis 30 Prozent aller Röntgenaufnahmen seien überflüssig, hat einen politisch-ökonomischen Grund, jedoch keine wissenschaftliche Basis. Denn zum einen weiß der Arzt erst nach einer Röntgenuntersuchung, ob ein krankhafter oder normaler Befund vorliegt. Zum anderen muss auch folgendes bedacht werden: Wenn tatsächlich in jedem Röntgenbild ein krankhafter Befund erkennbar würde, würde man manchen krankhaften Befund übersehen, wenn man aufs Röntgen verzichtete.

Es gehört also zu einer Röntgenuntersuchung dazu, dass ein Befund unauffällig ausfallen kann; dadurch verringert sich das Risiko, dass eine Krankheit unerkannt bleibt.

Röntgen beim Orthopäden: Ist das sinnvoll?
Eindeutig ja. Zum Fachgebiet der Orthopädie gehört die fachgebundene Radiologie. Bei orthopädischen Beschwerden ist es der Orthopäde, der das Wissen um den Untersuchungsbefund mit dem Röntgenbefund verbindet; erst seine Zusammenschau führt zu einer umfassenden Diagnose, aus der sich die entsprechende Therapie ableiten kann.

Nicht nur in medizinischer, sondern auch in ökonomischer Hinsicht ist es sinnvoll, dass ein Röntgenbild vom Orthopäden erstellt wird. Es ist nicht zu begründen, dass bei Verletzungen oder sonstigen Erkrankungen der Patient erst zu einem Röntgeninstitut geschickt wird, um nach der Erstellung des Röntgenbildes zum Orthopäden zurückzukehren. Schon allein aus zeitökonomischen Gründen kann dies dem Patienten nicht zugemutet werden.

Welche alternativen Untersuchungen gibt es?
Weitere bildgebende Verfahren sind die Computertomographie, die Ultraschalluntersuchung und die Kernspintomographie.

Die Computertomographie macht gleichfalls die Knochenstrukturen sichtbar, hat neben einer relativ hohen Röntgenstrahlenbelastung jedoch den Nachteil, dass die Darstellung nur in einer Ebene möglich ist – im Unterschied zum Röntgenbild, dass einen Körperteil in mehreren Ebenen darstellen kann. Die Computertomographie ist bei bestimmten Fragestellungen den Röntgeninstituten vorbehalten.

Die Ultraschalluntersuchung stellt Weichteile dar: Muskeln, Sehnen, Schleimbeutel, die (noch nicht verknöcherte) Säuglingshüfte etc. Bei der Ultraschalluntersuchung werden Röntgenstrahlen nicht angewendet.

Die Kernspintomographie ist eine wertvolle Ergänzung der Diagnostik. Damit kann man dreidimensional in die Gewebestrukturen hineinschauen und sowohl Knochen als auch Weichteilstrukturen - Menisken, Bänder, Sehnen, Muskeln, Bandscheiben – beurteilen. Die Kernspintomographie geschieht ohne Röntgenstrahlung unter Anwendung eines Magnetfeldes. Diese Untersuchungsmethode gewinnt bei der Beantwortung unterschiedlicher orthopädischer Fragestellungen zunehmend an Bedeutung.

Dr. med. Dieter Großkurth
Facharzt für Orthopädie
Rheumatologie – Sportmedizin – Chirotherapie