Die Sonographie der Säuglingshüfte ist ein Muss! – schrieb Dr. Hans Dieter Matthiessen in der orthinform 2/2004. Um das zu unterstreichen, wollen wir uns ein weiteres Mal vor Augen führen, was mit der Sonographie zuallererst erreicht werden soll: durch Früherkennung und Frühbehandlung die so genannte angeborene Hüftverrenkung und deren verheerende Folgen auszumerzen. In Zeiten vor den intensiven Bemühungen um eine Früherfassung, wesentlich verbessert durch die Sonographie, welche erst in den 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts von Prof. Dr. Reinhard Graf eingeführt wurde, fielen vier bis fünf von 5.000 Kindern, die gerade das Laufen lernten, dadurch auf, dass sie hinkten, watschelten, einen so genannten „Entengang“ hatten. Sie hatten verkürzte Oberschenkel und ein extremes Hohlkreuz.

Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts war der führende Orthopäde auf diesem Gebiet der Österreicher Dr. Adolf Lorenz (bekannt auch für den humorvollen, biographisch geprägten Roman „Wenn der Vater mit dem Sohne“). Lorenz war der im Prinzip richtigen Überzeugung, dass das Leiden selbst nicht „angeboren“ sei, sondern nur ein Vorstadium.

Mit Hilfe der Sonographie kann man dieses Vorstadium erfassen. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass es nicht EIN Vorstadium gibt, sondern ganz individuell unterschiedliche Entwicklungsstadien - von schon sehr stabilen Pfannen über geringe Entwicklungsrückstände bis hin zu massiv schlecht ausgebildeten Hüftgelenkspfannen. Auch wissen wir inzwischen, dass meist nicht die ersten selbstständigen Schritte die Verrenkung auslösen, sondern die vorzeitige Streckung der Hüftgelenke nach der Geburt im Verlaufe des ersten Lebensjahres.

Während der Schwangerschaft sind die Beine des Embryos um größtenteils über 90 Grad gebeugt. Die meisten Eltern kennen die Sonographiebilder ihrer Ungeborenen. Diese Beugung wird bis zum Ende der Schwangerschaft zunehmend stärker, bis das angeborene Kind die Beine schlicht nicht mehr weiter anziehen kann. Früher glaubte man, das fördere die Hüftverrenkung. Heute wissen wir: Diese Haltung ist für die Pfannenbildung äußerst günstig!

Die Geburt leitet die Streckung ein, die gegen Ende des ersten Lebensjahres im aufrechten Stand mündet. Die Entfaltung des kleinen Menschenpaketes müssen vor allem die Hüftgelenke „verkraften“. Wenn hier die Pfannen nicht genügend gefestigt sind, kann der Hüftkopf langsam nach oben wegrutschen, bis hin zur völligen Ausrenkung. Wir müssen deshalb alles unternehmen, um nach der Geburt eine weitere Verfestigung der Pfannen zu erreichen.

Entwicklung geht nach Geburt weiter
Der Mensch ist eine „physiologische Frühgeburt.“ Das Skelett eines Neugeborenen besteht zu einem großen Teil aus Knorpel. Für die optimale Entwicklung der Hüftgelenke ist eine Beugestellung der Beine am günstigsten. Ein Indiz dafür ist beispielsweise, dass bei den Völkern, in denen die Kinder größtenteils in einem Tragetuch dicht am Körper der Mutter getragen werden, Hüftverrenkungen quasi nicht vorkommen. Wenn die Kinder im Tragetuch sitzen, werden ihre Beine um 90 Grad oder mehr gebeugt, nur mäßig abgespreizt und können nicht gestreckt werden. Dabei drückt die Muskulatur zentral über den Hüftkopf in die Pfanne, und es entsteht im knorpeligen Anteil des Gelenkes ein hydrostatischer Druck, der die Verknöcherung fördert. Kriechen hat ähnliche Effekte.

Nun ist es ja nicht so, dass diese Beugehaltung bei allen Babys nötig ist. Trotzdem sollten Eltern bei der Lagerung ihres Kindes versuchen, sich diesem Optimum anzunähern und vor allem alles vermeiden, was dem entgegen wirkt. Es wird vielfach nicht bedacht, dass durch ungünstige Einwirkungen auf den kindlichen Körper aus gut entwickelten Hüftgelenken geschädigte werden können. Besonders ungünstig wirkt sich das früher übliche Wickeln aus. Dabei werden die Beine gestreckt und angespreizt. Das Windelpaket zwischen den Beinen kann als Drehpunkt funktionieren, über den der Hüftkopf nach außen gehebelt wird. So treten Hüftverrenkungen besonders häufig bei den Völkern auf, welche die Kinder in Steckkissen packen und so mit sich herumtragen.

Schädlich ist auch die Bauchlage, bevor die Kinder sich selber umdrehen (etwa mit fünf bis sechs Monaten). Dabei werden die Beine nämlich gestreckt. Und jede vorzeitige Streckung und alles, was die aktive Beugung behindert, ist ungünstig – beispielsweise auch Gipsverbände, schwere Decken und Kissen. Auch die Seitenlage kann gefährlich sein, wenn man nicht verhindert, dass das oben liegende Bein angespreizt liegt.

Im Bettchen sollte der Oberkörper etwas erhöht sein. Damit wird verhindert, dass sich am Hinterkopf eine kahle Stelle bildet. Hüft –und Kniegelenke sollten durch Unterlegen von Deckchen, Kissen, Matratzenteilen etc. leicht gebeugt sein. Die Beinchen sollten sich frei bewegen können. Deshalb ist ein wärmerer Schlafstrampler oder ein Schlafsack günstiger als eine dicke Decke.

Windeln sollten so angelegt werden, dass sie die Spreizung fördern. Bei gefährdeten Kindern – das sind diejenigen, bei denen in der Familie bereits Luxationen vorgekommen oder die in reiner Steißlage, also mit gleichzeitig gestreckten Kniegelenken (etwa 60% der Steißlagen)auf die Welt gekommen sind - empfiehlt sich ein „breites Wickeln“: Nach Anlegen der ersten „normalen“ Windel legt man eine zweite Papierwindel, wie man sie gefaltet aus der Packung nimmt, quer zwischen die Oberschenkel des Kindes und zieht darüber eine gut sitzende Strampelhose.

Tragetücher sind ideal
Ideal wäre es, wenn die Babys möglichst häufig in entsprechenden Tüchern getragen würden. Die Hüftgelenke des Neugeborenen sind für das Reiten auf der Hüfte konstruiert. Die knöchernen Winkel am oberen Oberschenkelende gewährleisten eine optimale Einstellung der Hüftköpfe in die Pfannen. Für das Tragen am Körper sprechen viele Gründe, nicht zuletzt im psychologischen Bereich. Anbieter von Tragehilfen sind zahlreich im Internet zu finden („Tragehilfen“ bei der Stichwortsuche eingeben). Die Bedienungsanleitungen sind in aller Regel verwirrend - das kann unter Umständen abschreckend wirken.

Denken Sie sich einfach: Naturvölker brauchen so komplizierte Anleitungen auch nicht. Alles, was Sie brauchen, ist ein ausreichend großes Tuch aus schadstofffreier Baumwolle, die in beide Richtung – nicht zu viel und nicht zu wenig – dehnbar ist. Das Tuch muss, wenn Sie es sich umlegen, bis zur Kniekehle reichen. Wenn Sie den Rand umschlagen, erhalten Sie die gewünschte Stabilität. Es muss gut über den Rücken Ihres Babys, der darin rund ist und sein soll(!), passen und bei den Kleinsten auch den Kopf stützen. Diese lernen dann oft schon nach wenigen Tagen, ihren Kopf selbst zu kontrollieren. Der Rücken leidet nicht durch das Tragen, eher tut dies der Entwicklung der Wirbelsäule gut. Tragen auf dem Bauch ist nicht ganz so günstig. Die Beine sind dabei oft zu sehr gestreckt. Wenn die Kinder älter sind, kann man sie ohne Probleme am Rücken tragen. Meine drei Töchter haben ihre zwölf Kinder alle so getragen.

Dr. Ewald Fettweis
Schleckheimer Straße 118
52076 Aachen
www.hueftgelenkdysplasie.de

Fotos: Didymos GmbH


bvo 22.12.2004