Kann man zu alt sein, um Sport zu treiben?

Grundsätzlich: Nein! Mein Motto, das ich auch immer wieder in meinem Buch betone, lautet: Streichen Sie den Satz aus Ihrem Bewusstsein: „Dafür bin ich zu alt.“ Natürlich ist die Wahl der Inhalte und Methoden innerhalb eines Trainingsprogramms immer abhängig vom jeweiligen individuellen Leistungsstandard. Jemand, der sein ganzes Leben lang Sport getrieben hat, verfügt über ganz andere Voraussetzungen als etwa eine Frau Anfang-Mitte 50, seit 30 Jahren Hausfrau und an Osteoporose erkrankt. Deshalb ist es auch immens wichtig, dass vor der konkreten Trainingsplanung der jeweilige Leistungsstand anhand einer Fitnessanalyse ermittelt wird.

Kann ein Mensch im Alter überhaupt noch Muskulatur aufbauen?

Aber ja. Das beste Beispiel ist ein - inzwischen 65 Jahre alter - Klient von mir, der vor drei Jahren mit dem Training begonnen hat und mittlerweile wie ein Profi trainiert. Durch ein Splitting-Programm - an einem Tag trainiert er Ausdauer im Fettverbrennungsbereich, am nächsten die Oberkörpermuskulatur, dann die Unterkörpermuskulatur - hat er inzwischen sowohl Fett abgebaut als auch Muskulatur sichtbar aufgebaut, und das ist keine Ausnahmeerscheinung, sondern für Jeden erreichbar. Die Skelettmuskulatur kann jeder Mensch trainieren, unabhängig vom Alter!

In Ihrem Buch „Fit im besten Alter“ schreiben Sie, dass gerade Fitnesstraining sich als Seniorensport besonders gut eignet. Warum?

Fitnesstraining besteht nicht nur aus Krafttraining, sondern ist eine Kombination aus Ausdauertraining und einem speziellen Krafttraining.

Nehmen wir unsere Osteoporose-Patientin als Beispiel: Durch das Ausdauertraining auf dem Laufband oder dem Fahrrad wird zum einen der gesamte Stoffwechsel angeregt und ihr Herz-Kreislauf-System gestärkt, zum anderen wird mit Hilfe eines individuell geplanten und auf Ihre gesundheitlichen Probleme abgestimmten, ganzheitlichen Gerätetrainings die Skelettmuskulatur gestärkt und der gesamte Halteapparat positiv beeinflusst.

Das Training hat zudem einen äußerst wichtigen Nebeneffekt: Menschen, die an Osteoporose leiden, leben oft in Angst vor einem Sturz oder einem unmotivierten Knochenbruch. Durch ein ganzheitlich geplantes Fitnesstraining verbessert sich neben der eigenen Körperwahrnehmung auch die Beweglichkeit und Koordination, was sich wiederum positiv bei Alltagshandlungen bemerkbar macht und somit sekundär das Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein steigert und die Lebensqualität ungemein erhöht.

Ich selbst habe schon beobachtet, dass beispielsweise Senioren, die zunächst dem Fitnesstraining sehr skeptisch gegenüber standen, sich ziemlich schnell dann auch Jogging oder Nordic Walking zutrauten, nachdem sie erst einmal mit Fitnesstraining angefangen hatten.

Gutes Stichwort: Selbstbewusstsein. Glauben Sie nicht, dass es einer 60-jährigen Frau schwer fallen kann, ins Fitnessstudio zu gehen? Ich könnte mir vorstellen, dass sie dort nicht besonders herzlich aufgenommen wird.

Es ist in der Tat erschreckend, wie in unserer Gesellschaft mit älteren Menschen teilweise sehr unsensibel umgegangen wird, dabei finde ich sie in der Regel engagierter und motivierter als manchen Mittzwanziger. Trotzdem gibt es häufig viel zu wenig Angebote für Senioren, auch und gerade im Sport.

Es ist doch nicht verwunderlich, dass eine ältere Dame, die den Mut aufbringt, in ein Fitnessstudio zu gehen, wahrscheinlich nicht wiederkommt, wenn hinter der Theke zwei 20-jährige im bauchfreien Shirt stehen, die ihr was von „Power and Pump“ erzählen! Da muss sich noch einiges ändern, und ich bin davon überzeugt, dass sich da in naher Zukunkt einiges tun wird.

Worauf sollten ältere Menschen denn achten, wenn sie sich ein Fitnessstudio suchen?
Zunächst sollten sie sich möglichst viele Studios ansehen und die Fitnesstrainer auf ihre Probleme ansprechen. Wenn sie dabei sehen: ‚Die kommen überhaupt nicht auf mich zu und können mir keine Angebote machen’, sollten sie dort nicht trainieren.

Ein kostenloses Schnupper- und Probetraining ist übrigens in jedem Gesundheitsstudio ein Muss!

Kann ein 65-jähriger das gleiche Training absolvieren wie ein 25-jähriger?

Der Einstieg ins Fitnesstraining richtet sich nach dem individuellen Leistungsstand, nicht nach dem Alter! Ein Trainingsprogramm sollte sowohl für junge als auch für ältere Menschen aus vier Bausteinen bestehen. Grundlegend ist eine Fitnessanalyse, also ein Gespräch, in dem etwaige persönliche Probleme wie Bluthochdruck oder Gelenkschmerzen abgeklärt werden. Der erste Trainingsbaustein ist eine viertelstündige Aufwärmphase, das so genannte „warm-up“, gefolgt von einem leichten Ganzkörper-Gerätetraining. Der dritte und wichtigste Baustein ist das Ausdauertraining im Herz-Kreislauf- oder Fettverbrennungsbereich; dieses sollte 70 Prozent des Pensums umfassen. Jede Trainingseinheit sollte mit einer Abwärmphase, dem so genannten „cool-down“, abschließen, in der auch gestretcht wird, um einem eventuellen Muskelkater vorzubeugen und die Regeneration zu beschleunigen.

Es kann vorkommen, dass ein älterer Mensch beispielsweise eine künstliche Hüfte hat. Kann der trainieren?

Dieses Krankheitsbild kommt gerade bei Senioren sehr oft vor. Ganz wichtig: Sie können nicht nur trainieren, sie sollten dies sogar tun! Je kräftiger die Muskulatur ist, um so mehr werden die Gelenke entlastet.

Arbeiten Sie dann mit Orthopäden zusammen?

Die Zusammenarbeit mit Ärzten ist ganz wichtig und sollte noch viel stärker in die Fitnessstudios integriert werden. Wenn jemand, der bei mir trainiert, ein künstliches Gelenk hat, hole ich mir immer zuerst das O.K. seines Arztes. Durch Rücksprache mit dem behandelnden Arzt erfahre ich auch Details, die für die Trainingsplanung wichtig sind: Wie war der OP-Verlauf? Welche Bewegungen dürfen nicht ausgeführt werden etc.?

Wie alt sind die Kunden in Fitnessstudios für gewöhnlich?

Der Altersdurchschnitt liegt bei 45. Das war vor zehn Jahren noch ganz anders, da waren die Leute unter 30. Und in zehn Jahren, da bin ich sicher, wird der Altersdurchschnitt bei über 50 Jahren liegen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Jana Ehrhardt.

Von Florian Eiler im Buchhandel erhältlich: Zeit, sich zu bewegen - Fit im besten Alter

bvo 30.09.2003