Knochenbruch ist nicht gleich Knochenbruch?
Nein. Ob und wie ein Knochen bricht, hängt von zwei Einflussfaktoren ab. Erstens von Art und Stärke der Verletzung, zweitens von der Festigkeit des Knochens. Es ist klar, ein weicher Knochen bricht früher als ein harter. Das Krankhafte der Osteoporose ist ein weicher, schwacher Knochen, der schon aus geringen Anlässen und auch an Stellen bricht, wo ein gesunder Knochen nie brechen würde. Wir nennen dies „krankhaften Knochenbruch“.





Wie unterscheiden Sie diese Brüche?
Zum Beispiel bricht der schwache Knochen an typischen Stellen, wo der gesunde seltener bricht. Bestimmte Brüche kommen typischerweise bei Osteoporose vor: Schenkelhalsfrakturen, Wirbelkörpereinbrüche, Brüche des Schienbeinkopfes, Brüche unterhalb der Schulter oder Handgelenksbrüche. Bei alten Menschen sind die Hälfte aller Handgelenksbrüche osteoporotisch bedingt. Wenn ein Orthopäde oder Chirurg diese Brüche sieht, sollte er also unbedingt an eine Osteoporose als Mitursache denken.

Ist diese Erkenntnis so neu?
Nein, aber eine Osteoporose können wir erst wir erst seit etwa 20 bis 30 Jahren diagnostizieren, bevor der Knochen gebrochen ist. Seit dieser Zeit haben wir auch erst die Mittel, sie zu behandeln. Es ist noch nicht bei Ärzten Routine, auch bei vielen Hausärzten, Reha-Ärzten oder Krankengymnasten nicht, nachzufragen beziehungsweise auf dem Röntgenbild nachzuschauen, ob die Ursache für den Bruch vielleicht die schon vorher brüchigen Knochen waren.

Woran erkennt der Arzt noch, dass es sich um einen „besonderen“ Bruch handelt?
Wenn er den Patienten nach dem Verletzungsablauf fragt. Seine Frage sollte nicht lauten: „Sind Sie schwer gefallen?“ Denn durch den starken Schmerz und das einschneidende Erlebnis, das eine Verletzung mit Knochenbruch bedingt, sagen die Patienten immer ja. Deshalb sollte der Arzt sagen: „Schildern Sie einmal den Unfallhergang ganz genau, sind Sie aus dem Stand hingefallen, einfach nur über die Teppichkante gestolpert, oder haben sich im Fallen mit der Hand aufgestützt?“

Auf welche Erfahrung stützt sich diese Vorgehensweise?
Ein gesunder Oberschenkelhalsknochen bricht nicht, wenn man aus dem Stand hinfällt, das passiert höchstens bei einem sehr schweren Verkehrsunfall. Für eine australische Studie wurde bei allen älteren Menschen, die zufällig mit einem Knochenbruch ins Krankenhaus kamen, die Knochendichte gemessen. Es stellte sich heraus, dass bei Patienten zwischen 60 und 70 die Hälfte aller Brüche mit einer erniedrigten Knochendichte einhergingen, bei den 70- und 80-Jährigen waren es zwei Drittel. Man kann sagen, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bruch bei einem älteren Menschen durch Osteoporose verursacht wurde, liegt bei über 50 Prozent.

Was folgt daraus für den Arzt?
Bei älteren Patienten sollte der Arzt auch immer an eine Osteoporose denken, er sollte sich erkundigen, ob dieser vielleicht zu Stürzen neigt, weil er hinfällig ist, eine Lähmung hat oder schlecht sieht. Alle anderen Risikofaktoren für eine Osteoporose entsprechend unseren Leitlinien sollte er abfragen, und dann erst eine Knochendichtemessung vornehmen.

Kann man einen osteoporosebedingten Bruch im Röntgenbild erkennen?
Ja, manchmal kann man Zeichen hierfür erkennen, wenn man genau hinsieht. Ein gesunder Knochen bricht oft anders, ein schon brüchiger Knochen wird zusammengedrückt oder zerbröselt. Aus dem Röntgenbild lassen sich Vermutungen ableiten, und danach kann man diese Vermutung durch eine Knochendichtemessung bestätigen. Wir wissen, dass die meisten Wirbelkörperbrüche auf Röntgenbildern übersehen werden. Wirbelbrüche sind oft Zufallsbefunde, da ein langsames Zusammensintern von Wirbelbrüchen auch ohne besondere Verletzung vorkommt und auch dem Patienten kein besonderen Unfallzusammenhang mit seinen Rückenschmerzen in den Sinn kommt. Man muss gezielt nach Wirbelveränderungen suchen. Viele Ärzte sind dafür noch nicht sensibilisiert.

Warum ist das denn so wichtig, die eingedrückten Wirbelkörper zu erkennen?
Eine bereits vorhandene Fraktur zeigt an, dass es ein sehr hohes Risiko gibt, im Laufe des nächsten Jahres eine oder mehrere weitere Frakturen zu bekommen. Eine bestehende Fraktur ist damit der wichtigste Risikofaktor für weitere Brüche – wichtiger als eine erniedrigte Knochendichte.

Wie lassen sich denn die Nicht-Knochenspezialisten unter den Ärzten auf den neuesten Stand bringen?
Die Ärzte müssen sich kontinuierlich fortbilden. Wir verbreiten jetzt unsere Leitlinien an Ärzte und Patienten und geben damit Empfehlungen, was wann zu tun ist. Das neue Wissen muss ins Bewusstsein von Ärzten und Patienten dringen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde der Zeitschrift "Mobiles Leben", Ausgabe 3/2003 (Oktober 2003) entnommen. Das Gespräch führte Ines Landschek.

Hier können Sie einen Osteoporose-Risiko-Test machen.

bvo 03.09.2003