Herr Dr. Knievel, Sie haben den Zusammenhang zwischen Bewegung in der Kindheit und Osteoporose in späteren Lebensjahren untersucht. Gibt es einen?
Ich habe versucht, der grundlegenden Frage nachzugehen, ob ein osteoporotischer Befund möglicherweise abhängig ist von Ereignissen in der Lebensgeschichte eines Menschen, und zwar vor allem in seiner Kindheit und Jugend. Und in der Tat scheint es einen Zusammenhang zwischen Bewegungsintensität und Osteoporose zu geben. Diejenigen meiner Probandinnen, die sich in ihrer Kindheit und Jugend viel bewegt hatten, wiesen eine hohe Knochendichte auf und hatten keine Osteoporose. Im Gegensatz dazu hatten die bewegungsinaktiven Frauen durchweg eine zu niedrige Knochendichte, sie litten also unter Osteoporose.

Erstaunlicherweise hatten andere Faktoren wie etwa Ernährung, medikamentöse Behandlung oder die familiäre Disposition keinerlei Einfluss auf das Osteoporoserisiko, wenn die Bewegungsaktivitäten fehlten.

Welche Rolle die genetische Veranlagung spielt, ob sie gar ein Primärfaktor für die Knochendichte ist, bleibt eine offene Frage. Meine Studie kann nur als ein kleiner Beitrag angesehen werden, mögliche Ursachen für die Entstehung bzw. die Verhinderung von Osteoporose ausfindig zu machen.

Können Sie Ihre Untersuchungsmethode kurz schildern?
Sehr vereinfacht: Ich habe Frauen im Alter zwischen 40 und 67 Jahren zu ihrer Bewegungsintensität in Kindheit und Jugend befragt, und zwar in einem qualitativen Interview. Das heißt, die Frauen haben keine Ja-Nein-Fragen beantwortet, sondern sie konnten über ihre unterschiedlichen Bewegungsaktivitäten ausführlich berichten. Dadurch wurden Daten ermittelt, die eine diagnostische Vermutung über ihre Knochendichte erlaubten. Und wirklich, die vermutete niedrige Knochendichte bei bewegungsinaktiven Frauen stimmte überein mit dem bei ihnen durch die Knochendichtemessung (Osteodensitometrie) gefundenen Befund Osteoporose. Ebenso zeigten die Messungen hohe Knochendichtewerte bei den Frauen, die sich in ihrer Kindheit und Jugend viel bewegt hatten; diese waren nämlich osteoporosefrei.

Zusammenfassend kann ich sagen: Art und Häufigkeit von Sport in der Familie und im familiären Umfeld sowie der Sport in der Schule haben eine außerordentlich große Bedeutung bei der Prävention von Osteoporose. Bewegung im Kindes- und Jugendalter ist der bedeutendste Einflussfaktor für die spätere Knochendichte. Die Vermutung, dass die für Frauen ermittelten Ergebnisse auch für Männer Gültigkeit haben, liegt nahe.

Warum beeinflusst Bewegung den Knochenaufbau?
Der Aufbau der Knochen geschieht in der Kindheit und Jugend. In diesen Lebensphasen wird das Knochenskelett in Architektur und Masse durch einen recht komplizierten Knochenstoffwechsel erstellt. Viele Faktoren haben Einfluss auf die Osteoblasten wie auch auf die Osteoklasten; das sind die Knochenaufbauzellen bzw. die Knochenabbauzellen, die den Knochen versorgen und auch die so genannte Spitzenknochenmasse aufbauen. Die Spitzenknochenmasse ist die jeweils maximale Knochendichte, die bei den einzelnen Menschen allerdings recht unterschiedlich sein kann. Entscheidenden Einfluss auf die Bildung der Spitzenknochenmasse hat – wie ich in meiner Untersuchung belegen konnte – die Bewegungsintensität in der Kindheit und Jugend.

Wie in der Medizin allgemein bekannt ist, entsteht dort, wo der Knochen von der einwirkenden Muskelkraft getrennt wird, eine Osteoporose, und zwar auch bei bester Kalziumversorgung und sonstiger positiver Beeinflussung. Körperliche Aktivität erhöht den physiologischen Muskelzug am Knochen, und dieser scheint der beste Reiz für die Knochenbildung zu sein.

In der Kindheit und Jugend wird also ein Knochenkonto angelegt, von dem im Erwachsenenalter, wenn die Knochenaufbauzellen nicht mehr Schritt halten können mit den Knochenabbauzellen, nur noch abgehoben werden kann. Mit zunehmendem Alter verliert unser Knochenkonto 0,5 bis 1,5 Prozent in jedem Jahr. Ist das Knochenkonto in der Kindheit und Jugend hoch genug angelegt worden, dann bleibt bis zu unserem Lebensende ein ausreichender Grundstock, der uns vor brüchigen Knochen bewahrt.

Experten schlagen Alarm, weil deutsche Grundschüler sich kaum noch bewegen. Einer Untersuchung an der TH Karlsruhe zufolge verbringen deutsche Grundschüler im Schnitt neun Stunden am Tag im Sitzen und fünf Stunden im Stehen. Lediglich eine Stunde am Tag bewegen sie sich aktiv. Was halten Sie davon?
Aus meiner mehr als 30jährigen Erfahrung im Kindersport kann ich sagen, dass Kinder sich von Natur aus sehr gern und viel und intensiv bewegen; besser gesagt, sich bewegen möchten! Wenn sie es trotzdem nicht tun; auch hier möchte ich besser sagen – wenn sie sich nicht hinreichend bewegen können bzw. dürfen, dann liegt das in erster Linie an der Umwelt bzw. der Gesellschaft, die unseren Kindern kaum noch Möglichkeiten bieten, ihren angeborenen Bewegungsbedürfnissen nachzukommen.

Wenn bereits morgens um sechs Uhr auf mehr als zehn Fernsehkanälen Kinderstunden angeboten werden und diese auch schon vor dem Schulunterricht von vielen Kindern gesehen werden, dann ist das ein Problem, das von uns, den Erwachsenen, gesehen werden muss. Es gibt viele andere Beispiele, die zeigen, wie wenig Kindern Gelegenheiten gegeben oder sie sogar davon abgehalten werden, sich durch vielfältiges Bewegungsleben gesund zu entwickeln.

Wir Erwachsenen zwingen unsere Kinder in unsere eigene – leider sehr bewegungsarme – Welt hinein. Unsere Kinder erobern sich nicht mehr die Welt, unsere Kinder werden von einer bewegungsarmen Welt erobert! Das ist bequem, kann im Liegen oder im Stehen oder auch im Sitzen geschehen. Da der Mensch aber auf Bewegung hin angelegt ist, sollten wir als Eltern darüber nachdenken, ob wir die Kinder nicht vor vielen aus Bewegungsmangel entstehenden Krankheiten schützen können oder sogar müssen. Mehr Bewegung ist ein Schlüssel, die Osteoporose zu bekämpfen.

Befürchten Sie, dass die Osteoporose-Fälle in Zukunft zunehmen?
Eindeutig: Ja. Das ist jedoch nicht nur eine Befürchtung von mir allein, zahlreiche dahingehende Untersuchungen belegen das deutlich. Osteoporose ist eine weltweit verbreitete Volkskrankheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt sie zu den zehn wichtigsten Zivilisationskrankheiten. Etwa 40 Prozent aller Frauen erleiden einmal in ihrem Leben eine durch Knochenschwund bedingte Fraktur. Jährlich verursacht Osteoporose etwa zwei Millionen Oberschenkelhalsbrüche; allein in Deutschland entstehen dadurch im Jahr Kosten in Höhe von 1,5 Milliarden Euro. Die WHO prognostizierte 1994, dass sich die Osteoporose-Fälle in den folgenden 20 Jahren verdoppeln werden.

Spielen soziale Faktoren eigentlich eine Rolle?
Ich habe es nie erlebt, dass irgendjemandem aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht der Zugang zum Sport und damit zur Gesundheitsvorsorge versperrt wurde.

Durch Osteoporose entstehen unserem Gesundheitssystem immense Kosten. Diese könnten drastisch gesenkt werden, wenn durch entsprechende Aufklärung jeder erkennen lernt, dass – wie der Mediziner Reiner Bartl es treffend ausdrückt – die Osteoporose eine Lebensgeschichte ist, die in der Kindheit beginnt, dass also jeder „seines Skelettes Schmied“ ist. In unserer Informationsgesellschaft dürfte es kein Problem sein, die Erkenntnisse über diese Erkrankung allen zugänglich zu machen. Damit dürfte ein wichtiger Beitrag zum allgemeinen Wohlergehen der Menschen in unserer Gesellschaft geliefert werden. So gesehen, hat die Prävention von Osteoporose auch eine soziale Dimension.

Was muss in den Elternhäusern und den Schulen getan werden, um der Osteoporose wirksam vorzubeugen?
Durch die Studie konnte deutlich nachgewiesen werden, dass sportliche Betätigung im Kindes- und Jugendalter zur Osteoporose-Prävention beiträgt. Verantwortliche Stellen ebenso wie Eltern sind aufgerufen, sich vermehrt für den Schulsport und andere sportfördernde Maßnahmen einzusetzen.

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss haben die Sportlehrer. Wenn auch seit Jahren an den Universitäten Sportlehrer für alle Schularten ausgebildet werden, so scheint mir der Bereich der Gesundheitserziehung noch keinesfalls mit der notwendigen Fachkompetenz betrieben zu werden. Besonders in der so wichtigen Primarstufe werden die Schülerinnen und Schüler sehr häufig von nicht ausgebildeten Lehrern im Sportunterricht lediglich „beschäftigt“, die Unterrichtszeit wird zu häufig „vertändelt“! Von gezielter Bewegungserziehung, die zu weiteren sportlichen Aktivitäten auch außerhalb der Schule motiviert, kann keine Rede sein.

Den Eltern möchte ich raten, selbst Sport zu treiben. So werden sie selbst erkennen, wie freudvoll diese aktive Freizeitbeschäftigung ist; sie sind dadurch auch Vorbild für ihre Kinder, die ihnen nacheifern werden.

Ich jedenfalls glaube herausgefunden zu haben, dass man sich recht einfach und ziemlich sicher vor dieser bösartigen und sehr schmerzhaften Krankheit Osteoporose schützen kann. Gestatten Sie mir zum Schluss eine Vereinfachung: Die Medizin heißt Sport! Da Sport auch noch viel Freude macht, kennen wir also eine Medizin, die gut schmeckt, billig ist und der Entwicklung von Osteoporose kaum eine Chance lässt. Man muss diese „Bewegungsmedizin“ nur anwenden!

Das Gespräch führte Jana Ehrhardt.

Web-Tipps:


www.bfo-aktuell.de
www.netzwerk-osteoporose.de



bvo 24.07.2003